Ein queerfeministisches Event für Berlin
Vom 4.-6. März 2010 wird in Berlin ein dreitägiges Event stattfinden auf dem aus queerer und feministischer Perspektive in Ökonomie- und Kapitalismuskritik eingemischt sowie aus ökonomiekritischer Perspektive in queerfeministische Diskussionen und Politiken eingegriffen wird.
Das Event soll eine Plattform bieten, auf der viele und verschiedene Menschen und Gruppen sich über ihre Arbeit und ihre Politikformen austauschen, organisieren, koordinieren oder informieren können. Durch die Vernetzung soll Sichtbarkeit hergestellt werden für die zahlreichen und vielfältigen Arbeiten, Tätigkeiten und Theorieansätzen von feministischen und ökonomiekritischen Gruppen, Personen und Projekten. Es geht darum eine linke feministische Position zu etablieren, die sich nicht länger an Alphamädchen oder an Hauptwidersprüchlern abarbeiten will. Gemeinsam wollen wir herausfinden, inwiefern sich unsere Erfahrungen und Analysen ähneln und unterscheiden um daraufhin über Forderungen und Strategien nachdenken zu können. Wo und wie sind feministische und ökonomiekritische Interventionen notwendig und möglich? An wen richten sich welche Forderungen?
Für eine solche Begegnung erscheint es uns wenig sinnvoll, unsere Arbeit in den alten Kategorien von Theorie und Praxis aufzuteilen. Forschen ist eine politische Praxis und in Aktivismus werden Theorien und Wissen hergestellt. Die Probleme miteinander ins Gespräch und in Aktion zu geraten sind viel komplexer gelagert. Darüber möchten wir zusammen mehr herausfinden.
Das Event soll klar machen, dass linke Ökonomiekritik nicht ohne queere und feministische Einsätze gemacht werden kann, ebenso wie Feminismus ohne Ökonomie- und Gesellschaftskritik auskommt. Wir müssen manche Fragen neu stellen, politische Strategien und Konzepte zusammen diskutieren, um zu verstehen, welche Rolle Ökonomiekritik heute in queerer und feministischer Politik hat. Was macht es scheinbar so schwierig, die heterosexistischen Dimensionen sozialer, materieller und symbolischer Reproduktion nicht immer wieder zu übersehen?
Ein neuer Ökonomiebegriff
Ökonomie und Heternonormativität verstehen wir bisher als Regulierungssysteme. Diese lassen bestimmte Arbeitsweisen, Lebenssituationen, zwischenmenschliche Beziehungen und gesellschaftliche Ordnungen als natürlich, unveränderlich oder gar sinnvoll odder notwendig erscheinen, was eine Auseinandersetzung über Herrschaftsverhältnisse, Widerstand und die Möglichkeiten von politischem Handeln erschwert. Deshalb gehören für uns Fragen der Existenzsicherung, Arbeitsteilung, Versorgung zusammen. Reproduktion, Verteilung gesellschaftlichen Reichtums und heteronormative, rassistische und klassizistische Zurichtungen unter anderem durch Sprache kann nicht ohne die verknüpfte Betrachtung verschiedener Herrschafts- und Gewaltverhältnisse und die Analyse systematischer Verletzbarmachung bestimmter sozialer Positionen gedacht werden.
Wir spannen den thematischen Rahmen „Ökonomiekritik und Queerfeminismus“, um uns über die Konstruktionen und Normierungen mit welchen Herrschaft und Regulierung zusammen hängen auszutauschen. In unserer politischen Organisierung beziehen wir uns dabei bewusst nicht auf einen fertig definierten Begriff von Ökonomie – sondern fragen, was für ein Ökonomiebegriff produktiv und relevant ist, für eine queerfeministische ökonomiekritische Theoriepraxis.
Mit der Verortung des Events im politischen und sozialen Raum Berlin Neukölln intervenieren wir in Auseinandersetzungen um soziale Ausgrenzung, Armut und rassistische (Stadt-)Politik, die immer wieder Feminismus und LGBTQ-Kämpfe einem vermeintlichen migrantischen Anderen gegenüberstellt, welches als per se sexistisch und homophob dargestellt wird. Diese Gegenüberstellung soll auf dem Event problematisiert werden, wobei auch die vom Event hergestellten Ausschlüsse thematisiert werden sollen. Nur auf dieser Basis können wirkliche Allianzen und Kooperationen wachsen, was das erklärte Ziel des Events darstellt. Neukölln als Ort queerer und feministischer Subkultur, linker Initiativen und Stadtteilläden und gleichzeitig permanenter Gegenstand von rassistischen Debatten über Integration und Einwanderung scheint uns gut geeignet, um diese schwierigen Diskussionen aufzunehmen.
Feminists – we’re calling you!
Bisher gibt es Arbeitsgruppen zu den Begriffen und Schulen des linken Feminismus, zu Reproduktionsarbeit im 21. Jahrhundert, zu Gewaltökonomien und zum Arbeitsbegriff. Dies ist ein Aufruf, sich mit weiteren Ideen und Themen am Event zu beteiligen! An der offenen Struktur können sich alle beteiligen, die mit unseren Vorschlägen etwas anfangen können bzw. sich mit uns darüber auseinandersetzen wollen.
Die bisherige Vorbereitungsgruppe ist ein Zusammenschluss von verschiedenen Gruppen und Einzelpersonen, die sich um den strukturellen Rahmen des Events, Räumlichkeiten, Finanzierung und die Vernetzung der thematischen Arbeitsgruppen kümmert. Sie hat sich innerhalb des letzten dreiviertel Jahres zusammengefunden und erweitert sich immer noch. Das Gelingen des Events hängt also wesentlich davon ab, wer sich daran beteiligt und was für Perspektiven und Fragen eingebracht werden.
Bisher geplant sind drei Tage mit Diskussion, Arbeitsgruppen, Werkstätten, Streitgesprächen, Forum, Hearing, Party, Filmen etc. Die bisherige Vorbereitung hat zahlreiche Ideen zur Überwindung hierarchisierenden Sprechens in konventionellen Konferenzformen gesammelt und diskutiert. Für Vorschläge dazu wie über welches Thema gesprochen werden kann, z.B. mit verschiedenen Veranstaltungs-Formaten, kann eine Dokumentation des bisherigen Diskussionsprozesses bei uns angefordert werden.
Für alle Nachfragen, Ideen zu eigenen Beiträgen oder Möglichkeiten, sich einbringen zu können, schreibt uns und besucht unsere Website:
feministische-oekonomik@gmx.de